Zwei Welten! – Ein Friedenau-Foto nebst Grübeleien zum Umgang mit deutschen Vergangenheiten

RÜDIGER BARASCH (Januar 2013)

rathaus_roxypalast_kunzeDieses eindrucksvolle Farbfoto ist 2002 entstanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Beispiel vorzüglicher Architekturfotografie. Es knistert gerade voll Spannung. Zwei benachbarte Gebäude – ein jedes für sich würdig und prägnant – prallen aufeinander. Dem linken und dem rechten Gebäude – durch die hochragende Brandmauer scharf getrennt – wird man jeweils auch eine Eleganz beziehungsweise einen ausgeprägten Stilwillen bescheinigen dürfen. Indem sich der Fotograf mit konzentriertem Blick architektonischen Teilstücken zuwendet, kontrastiert und verdeutlicht er. Er schärft unsere Wahrnehmung durch Weglassen.

 

Wir erleben das Zusammenstoßen zweier Welten! Zwei Architektursprachen in konträrer Rhythmik folgen ihrer spezifischen Melodie.

Es mag verblüffen, wenn wir den Tatbestand zur Kenntnis nehmen, dass beide Gebäude in einem zeitlichen Abstand von nur zwölf Jahren errichtet wurden.

Nun muss die Katze aus dem Sack. Wer die Gebäudeteile immer noch nicht identifiziert hat, dem sei auf die Sprünge geholfen:

 

Wir befinden uns mitten in Friedenau Hauptstraße.

Der linke Bildabschnitt zeigt uns den oberen Teil des Rathauskomplexes (in dem sich früher eine Filiale der Berliner Bank befand). Es wurde 1913-1917 errichtet.

Europa seit August 1914 verwandelt in eine bluttriefende Schlachtschüssel und hier in FRIEDENAU wird umsichtig ein bürgerstolzes Projekt des großen Gemeinde-Architekten Hans Altmann (11.12.1871 Danzig – 27.1.1965 Berlin) hochgemauert. Aus heutiger Sicht: Unvorstellbar! Impossible!! Nicht zu glauben!

Wir, die wir uns an Jahrzehnte der Schönefeldplanungen bzw. Pfuschplanungen in relativ kriegsruhigen Zeiten gewöhnen müssen, ist dieser preußische Gestaltungswillen offensichtlich völlig abhanden gekommen.

 

Der rechte Bildabschnitt zeigt einen Teil des als „Roxy-Palast“ 1928/1929 (Hauptstr.78/79) errichteten Gebäudes, das lange Zeit als „Gota-Markt“ (bis März 2009) genutzt wurde und seit Juni 2011 den „LPG-Biomarkt“ beherbergt. Dies von Martin Punitzer (7.7.1889 Berlin – 7.10.1949 im Exil in Santiago de Chile) formvollendeten Gebäude der „Neuen Sachlichkeit“ war in den zwanziger Jahren eines der modernsten & größten Kinos von Groß-Berlin. In den Frühsiebziger Jahren habe ich noch das mondäne Interieur mit geschwungener großer Empore genießen dürfen. Aber die über 800 Sitzplätze waren im Fernsehzeitalter nur noch tröpfchenweise ausgelastet. Der Palast wurde zur Last für den Betreiber. Auf unserem Foto sieht man in der gerundeten Dachterrasse den Chic & die Anmut des Baues. Feingliedrige Fenstergestaltung & Fassadengliederung zeichnet beide Bauten aus.

Der Altmann-Bau hat gewisslich biedermeierlich-behäbiges-behagliches an sich. Aber ich schätze auch diese bürgerliche Solidität hoch ein. Markant sind beide Großgebäude! Die modernistische Rasanz des Punitzer-Baus entzückt mich, dito das meisterliche Wahrzeichen (kilometerweit sichtbar) des Rathausturmes. Ich empfinde beide Gebäude auch nicht als Feinde. Ich lausche beider Melodien.

 

Koepfe_rathaus_1_schinkelDer lorbeerbezweigte Kopf, den wir auf dem Foto sehen, feiert den Baumeister Karl Friedrich SCHINKEL. Die hier nicht sichtbaren Skulpturen Deutscher Geistesgrößen, welche am Rathaus programmatisch geehrt werden, seien kurz genannt. Denn nicht jeder Passant hebt seinen Blick zu dieser Höhe. Nicht jeder Bürger kennt diese Gesichter. Und ein Großteil der Bevölkerung interessiert sich wahrscheinlich nicht für derartige Krimskrams der Vergangenheit.

Zudem wird die Identifizierung sehr erschwert durch Verwitterung, Verschmutzung & Übertünchung. Auch ich musste mich mehrfach vor Ort vergewissern, da ich in der reichen Literatur zu Friedenau keine Hinweise gefunden hatte.

Ich hoffe, nicht fehlgegangen zu sein. Wandern wir links aus dem Bild so folgen Johann Wolfgang von GOETHE, Adolph von MENZEL, am Erkerturm Paul Ludwig Anton von Beneckendorff und von HINDENBURG (1847-1934), Otto von BISMARCK, Richard WAGNER, Ludwig van BEETHOVEN, Martin LUTHER.

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Diese norddeutsch-protestantisch geprägte Ahnengalerie von Luther aufwärts, wird manchem Bürger nicht mehr zeitgerecht erscheinen. Möglicherweise wird dieser oder jener es anstößig finden, Hindenburg an prominenter Erkerturmstelle vorzufinden.

Man wird ihn auch gewisslich nicht als deutsche Geistesgröße ansprechen können. Im Vergleich zu Otto von Bismarck sind seine Lebenserinnerungen & Reden eher als blässlich –redlich einzustufen. Ein Charakter von Format aber kein Genie, das Bahnbrechendes schuf, wie die anderen sieben Dargestellten!

 

Bedenkt man jedoch die Zeit der Erbauung des Rathauses in Friedenau, wird die Aufnahme in das Bildprogramm verständlich.

 

Seit dem Sommer 1914 galt er als Sieger (Held) der „Schlacht von Tannenberg“ (26.-30. August1914) Diese wurde im südlichem Ostpreußen gegen eine zahlenmäßig weit überlegene zaristische Heeresmacht ausgefochten. 191.000 Russen standen 153.000 deutschen Soldaten gegenüber. 92.000 Russen gerieten in Gefangenschaft. Von der intern. Militärgeschichtsschreibung wird dieser Erfolg als einziges Beispiel seit der Schlacht von Cannae (2. August 216 vor Ch., zweiter Punischer Krieg) gewürdigt, „dass eine Umfassung mit zahlenmäßig unterlegenen Kräften gelang“. Alles geniale an diesem Umzingelungsmanöver wurde ihm zugeschrieben. Ein Hindenburgmythos entstand!

 

Unser Rathaus erhielt nie die ihm zugedachte Bedeutung, da Groß-Berlin (1920) entstand und Friedenau Schöneberg zugeschlagen wurde. Es sank zum Ortsteil herab. „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ (Theodor PLIVIER) so hieß es und Hindenburg fungierte als hochdekorierter & würdiger Generalfeldmarschall immer mehr als Ersatzkaiser. 1925 wurde er vom Deutschen Volk mit Jubel der Friedenauer Bevölkerung – zum Reichspräsidenten gewählt. Sein 80. Geburtstag am 2. Okt. 1927 wurde über die Parteigrenzen in allen Schichten des Volkes gefeiert. Dies war der krisengeschüttelten Republik, die von „Anfang an eine Fehlgeburt war“ (Hans Magnus Enzensberger), selten vergönnt.

 

Auch wenn die Rolle des Greises in der bürgerkriegsähnlichen Zuspitzung 1933 umstritten bleibt, ist die Würdigung am Rathaus zu Friedenau nachvollziehbar & gerechtfertigt.

 

Ich neige dem Philosophen Odo MARQUARD (Jg. 1928) zu, dessen preisgünstiges Reclambändchen ich wärmstens empfehle. Sie weisen schon in der Titelei die Richtung: „Abschied vom Prinzipiellen“(1981), „Zukunft braucht Herkunft“ (2003). Das zweite Bändchen schließt mit folgenden Zeilen:

„Die moderne Welt – je schneller sie wird – braucht Ausgleich durch Langsamkeitspflege. Ihre Überlastung durch Innovationen muß kompensiert werden: durch Kontinuitätskultur. Zukunft braucht Herkunft.“

 

So bitte ich dringendst, dass unsere schlafmützige Kommunalpolitik, (siehe Umgestaltungsinitiative Breslauer Platz, die sich schon Jahre dahingezogen hat) sich der Restaurierung & Reinigung der ramponierten deutschen Geistesgrößen annimmt. Dem Ludwig van Beethoven fehlt bereits die untere Gesichtspartie zur Gänze.

 

 

Zum Schluss sei der Name des hochgeschätzten Fotografen gelüftet.

Volker KUNZE (Jg. 1947) hat von 1976 bis 2011 hier in Friedenau das „Antiquariat an den Ceciliengärten“ betrieben (Rubensstraße 14). Er hat jahrzehntelang auch fotografiert (überwiegend schwarz-weiß) und – was noch bedeutender ist – er war ein international anerkannter Fotografiehistoriker, dessen Spezialkataloge so akribisch – kenntnisreich ausfielen, dass er von „Experten“ mehr geplündert wurde, als dass er mit seinem inneren Wissensschatz reich wurde. (Copy & Paste macht’s Abschreiben leicht.) Er war ein Pionier in seinem Métier.

Ihm sei gedankt!

 

 

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NOTWENDIGER NACHTRAG (8. Januar 2013)

 

Nachdem ich am gestrigen Tage das Manuskript fertig gestellt hatte und es der guten Fee dieses Internet-Portals übergeben wollte, stieß ich auf einen am gleichen Tage erschienenen Artikel über Hindenburg. Er gipfelte in folgender Schlussfolgerung:

„Es ist bei der sog. „Machtergreifung“ also alles mit rechten Dingen zugegangen, Hindenburg, das vom Volk gewählte Staatsoberhaupt, ermöglichte letztlich die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.“

 

Gemäß dieser Geschichtslogik müsste Hindenburg (er starb bereits am 2. August 1934) sofort vom ehrwürdigen Rathaus geköpft werden.

Der Satz stammt von Willi Winkler (Jg. 1957) und stand in der auflagenstärksten Qualitätszeitung Deutschlands, der Süddeutschen Zeitung. (Der Mann, der Hitler zum Kanzler machte)

Folgen wir weiterhin dieser Logik!

Bleiben wir konsequent!

Seien wir prinzipiell!

 

Richard WAGNER war ein fürchterlicher Antisemit im modernen Sinne. Kopf ab!

 

Luthers judenfeindlichen Traktate („Von den Juden und ihren Lügen“) Sind sattsam bekannt. Kopf ab!

 

Die „Säuberung des Kunsttempels“ (Wolfgang WILLRICH, Lehmanns Verlag 1938) ließe sich fortsetzen: Wurden nicht auch die übriggebliebenen Großkopfeten von den Bonzen des Dritten Reiches verehrt und angehimmelt? Wurden sie nicht als ideologische Versatzstücke ausgeweidet und bis zum bitteren Ende propagandistisch dienstbar gemacht? Sind sie nicht aus diesem Grund alle besudelt und ihre Entfernung angezeigt?

 

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So, nun haben wir alle Düsterbolde aus Dunkeldeutschland am Schlawittchen!

 

Pausieren wir – bitte Stoppsignal! – in diesem Säuberungsgalopp!

 

Ist diese Gangart angemessen??

 

Denn ehe wir uns versehen, reiten wir mit diesem Denk- und Argumentationsstil in totalitär-verseuchte Sumpfgebiete hinein.

Ein Klima der Verdächtigung breitet sich aus, wird zum Selbstläufer, und die nachdenklich-abwägende Würdigung komplexer historischer Prozesse und Konstellationen und die je spezifische Einbettung des Individuums darinnen, bleibt außen vor.

Wir gesellen uns zu den „terribles simplificateurs“, die uns Jacob BURCKHARDT (1818-1897) für das 20.Jhdt. prophezieh.

(Und diese schrecklichen Vereinfacher von rechts wie links haben im vorigen kurzen Jahrhundert von 1914-1989 wahrlich genug gewütet. Abermillionen Menschenleben wurden vernichtet)

 

Vielschichtige Sichtweisen sollten endlich Vorrang genießen. Fragen gestellt werden. Für neue & alte Sichtweisen wachbleiben!

 

Wer z.B. wie Willi Winkler unterstellt, dass der frisch ernannte Reichskanzler bereits 1933 einen druckfertigen Masterplan Treblinka, Majdanek usw. im Kopf hatte, redet schlicht Unsinn.

Primär ging es Hitler und wohl nahezu allen Schichten & Parteien der damaligen Gesellschaft um die Beseitigung des „Schanddiktats von Versailles“, das für Wirtschaftskrisen (Arbeitslosenelend usw.) verantwortlich gemacht wurde.

Diese in den noblen Vororten von Paris verhängten „Friedensverträge“ waren von Anbeginn die Hauptbelastung der schwachbrüstigen Republik. Sie wurde zutiefst – für mich auch heute noch nachvollziehbar – als demütigend und unweise empfunden.

 

Hitler versprach ihre radikale Beseitigung und „freudeschlotternd“ (dieses treffende Wort prägte zuerst Karl Kraus) folgten die Massen ihrem Führer in das „Dritte Reich“.

Frenetischer Jubel (Erfolgsrausch) und Zwangskonformismus (inkl. Schrittweise Entrechtung von Minderheiten & Andersdenkenden) führten in der Diktatur eine zwillinghafte Existenz. Brot und grausame Spiele – das alte Rom lässt grüßen.

 

Spätestens mit dem „Röhm-Putsch“ und der diabolisch-genialen Einbindung von Militär- und anderen Führungsschichten, durch Mordakzeptanz – war der Rechtsstaat endgültig beseitigt. Mit der zynischen Parole: „Der Führer schützt das Recht“ (Carl SCHMITT, Deutsche Juristen Zeitung 13.7.1934)

Ein Weg zurück war versperrt. Hitlers „Siegeszug“ unumkehrbar. Opposition hieß schnell „Liquidation“. Jeder war prinzipiell ersetzbar.

Man lese Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ (1978) PUNKTUM!

 

 

Wer sich aber auf solche Gemengelagen nicht einlassen will wie Willi Winkler, der frönt einem moralischen Rigorismus des Nachgeborenen.

Wer Hindenburg als „Ermöglicher der Vernichtungslager“ brandmarkt, feiert sich selbstgenügsam im Jahre 2013 als Antifa-Held. Und der nachgeholte Antifaschismus ist fraglos inzwischen eine Freizeitsportart.

 

„Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago!“(österreich. Philosoph & Wissenschaftsorganisator, Jg.38, Rudolf Burger. FAZ 30.8.2001)

 

Aber ich fürchte, die neurotische Fixierung auf diese zwölf Jahre deutscher Geschichte wird auch nach 2013 – obwohl ganz andere gewichtigere Probleme der Lösung harren – anhalten.

Ich habe den Eindruck, dass das pathetisch selbstgerechte Wächtertum (überwiegend öffentlich alimentiert) samt seiner Neigung zur Denunziation weiterhin wuchert.

 

So wurde die Auslöschung der „Treitschkestraße“. Im angrenzenden Steglitz seit 2007 intensivst betrieben und ist erst jüngst wohl an der Bequemlichkeit der Ortsansässigen (und ausnahmsweise dazu Befragten) gescheitert, die die Folgekosten einer Umbenennung scheuten.

Kaum einer wird mehr als eine Zeile von Heinrich von Treitschke, dieses eigenwillig-imposanten wie spannenden Historiker des 19. Jahrhunderts gelesen haben.

Er war zu Lebzeiten umstritten und streitbar. (Manche Schroffheiten seines Charakters waren bedingt durch seine Taubheit, an der er von Kindesbein litt.)

Spricht Streitbarkeit gegen oder für einen Menschen?

Sein Gegenspieler, der große Theodor MOMMSEN (1817-1903), notiert in seinem Tagebuch am 4.5.1896 anlässlich des Todes von Treitschke: „Ich habe ihn nicht geliebt und nur sein Talent, nicht seinen Charakter geachtet, aber das Scheiden eines solchen Gegners ist auch ein schwerer Schlag. Wahrscheinlich gehen wir politisch sehr schweren Zeiten entgegen.“

(Er folgt eine vernichtende Kritik am „verbrecherischen Eigenwillen des Kaisers“, den Treitschke ebenso schroff kritisiert hatte) und endet mit dem Seufzer „Wir armen Deutschen!“

 

Früher ging man offensichtlich fairer miteinander um.

 

 

Heute genügt zur Liquidationsabsicht, ein missbrauchter (da aus dem Argumentationszusammenhang herausgerissener Satz „Die Juden sind unser Unglück“.

Bekanntermaßen trat als erster Klitterer Julius STREICHER in seinem berüchtigten „Stürmer“ hervor. Der Satz wurde in jede Ausgabe gehämmert

 

Statt grundsätzlich Geschichtsklitterung bloßzustellen und einer differenzierten Sichtweise den Weg zu ebnen, wird von einer Koalition  von Berliner Politikprofessoren & Parteien eine Klitterung aus Streicherzeiten – mit umgekehrt diffamierender Intention – weitertransportiert.

Dies ekelt mich!

Resignierend schließe ich mit der frech-apodiktischen Sentenz von Gottfried Benn:

„Des Deutschen Form der Revolution ist die Denunziation.“ (Prosaische Fragmente 1946)

 

Postskriptum

 

… Übrigens,

der obig zitierte Schlachtenheroen- & Bauernmaler Wolfgang Willrich, der „Die Säuberung des Kunsttempels“ im  Dritten Reich als ein Oberdenunziant betrieb, wurde sogar in einem von Heinrich Himmler unterzeichneten Brief zurückgepfiffen, mit der Mahnung bessere Bilder zu malen und sein Wüten gegen Gottfried Benn einzustellen. (Wahrscheinlich von Hanns JOHST Ex-Expressionist und 1938 hochhackiger SS-Mann in Restsolidarität Himmler untergeschoben.)