“Alles ist flüchtig”

Miniaturen & Fragmente zum Wandel in Friedenau

von Rüdiger Barasch
- März 2013 -

Die Fluten, die Flammen, die Fragen – und dann auf Asche sehn:
Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehn.“

Gottfried Benn (Strophe aus dem Epilog – Zyklus)

Ich freue mich immer, wenn ich etwas für mich Neues zu Friedenau aufstöbere. Ein Freund aus der Handjerystraße 74 zeigte mir aus seinem Besitz dieses seltene Blatt und ich freute mich kleinkindhaft.

Bogens Kartografie rund um den Wilmersdorfer Platz (heute Reneé Sintenis Paltz)

Bogens Kartografie rund um den Wilmersdorfer Platz (heute Reneé Sintenis Paltz)

Nur eine Postkarte, mehr nicht. Sie zeigt das Areal rund um den Renée Sintenis Platz (so umbenannt seit 1967). Diese Oberansicht aber hält mit wenigen Farbtönen und Schraffuren & Linien markant einen Ist-Zustand fest.

Bebautes und Unbebautes sind klarstens geschieden. Vorgärten, Baumbestand und (überaus spannend) Gewerbe und Nutzung sind schriftlich benannt. Auch die Hausnummerierung ist lesbarlich. Auf der Rheinstraße (als Teil des prominentesten, längsten Straßenzuges des Deutschen Reiches) sehen wir die Mittelstreifentrasse der Straßenbahnlinie, die seit 1890 von Steglitz zum Alexanderplatz führte. (1898 wurde die Dampfstraßenbahn elektrifiziert) Wir können anhand dieses Planes nachprüfen, welche Vorgärten (z.B. Schmargendorferstraße vorderer Teil bis zu Nr. 6 und bis 32) in späteren Jahren geopfert wurden und welche Grundstücke noch unbebaute Freiflächen waren (Rheinstraße 4/ Schmargendorferstraße 38 und Freifläche Handjerystraße, hinter Nr. 31).

Keine Bombe ist hier niedergegangen. Das Gebäude Lauterstraße 18/ Schmargendorferstraße 1, welches heute der Schandfleckarchitektur der 2. Nachkriegszeit zugeordnet werden darf, steht noch in alter Wuchtigkeit & Würde. Dann in Großbuchstaben WEKA (wahrscheinlich das Kürzel für das Kaufhaus Wertkauf) in den Nummern 17 & 18 der Lauterstraße am Friedenauer Markt (Breslauer Platz).

Die Grundstruktur des abgebildeten Areals hat sich bis heute erhalten und ist auf den ersten Blick eingängig vertraut. Lust kommt auf, die Gegend mit diesem Postkärtchen in der Hand zu flanieren!

 

Charme & Schwierigkeiten auf dem Wege

 

Wir sind ja heute googlemap verwöhnt und gemästet und können nach Belieben jeden Hinterhof der Welt ausspionieren (was noch vor nicht allzu langer Zeit einer strengsten Militärgeheimhaltung unterlag). Alles zum beamen und der Stecknadel freigegeben.

Hier fehlt das Dreidimensionale! Allerdings sollte über der googleeinheitlichen

Weltstandardkartographie nicht der Charme älterer und alter Gestaltungsweisen vergessen werden. Hat dieses Din A 5 Blättchen nicht auch seinen spezifischen Reiz und Erkenntnisgewinn?Der Kartograf Helmut Bogen (ich konnte leider über ihn nichts mehr ermitteln), der für diesen Entwurf und Zeichnung steht (s. unterer Rand), hat möglicherweise in seiner handwerklichen Klarsprache mehrere Friedenaublätter geschaffen (siehe am obigen Rand das Kürzel Bl.F23). Falls es sich bei F um Friedenau handelt, kann man nur hoffen, dass weiteres auftaucht. Ein Profi war er gewisslich! Eines hat der Meister aber sträflichst vernachlässigt: Er hat seine Werke nicht datiert.

- Verdammt alle, die ihre Fotos und sonstige Werkchen nicht datieren. Alles ist flüchtig! -

 

Und somit kühlte meine anfängliche Freude schnell ab. Denn meine erwartungsfrohe Buddelfreude und -neugier wandelte sich zur Fronarbeit.

Erstblicklich fixierte ich den Plan auf die Jahre 1934 bis 1938. Das Wälzen der Berliner der Branchenadressbücher auf 1936 (es enthält als Zusatz weit über 100 Seiten auf Hochglanzpapier, Trommelfeuer der Propaganda bezogen auf die Olympischen Spiele Berlin 1936) und des Branchenadressbuches auf 1938 machten mich regelrecht schiefäugig. Kleinstgedruckt und unübersichtlich rubriziert auf bröselig-vergilbten Papier gab ich mich lesefeindlicher Tüfteleien hin.

 

In beiden Scharteken waren die zu identifizierenden Geschäfte entweder anderwärts (umgezogen) und eine Überzahl nicht mehr existent und die Läden/ Betriebe dienten anderen Zwecken bzw. hatten andere Inhaber.

 

Um nicht zu langweilen nur einige Beispiele:

Weder die Rundfunkgroßhandlung Kaets (Schmargendorferstraße 6) noch Radio Kops (Rheinstraße 6/7), die doch in der Zeit des Radiobooms im 3. Reich Konjunktur gehabt haben mussten, waren aufgeführt. Die schwarze „Goebbelsschnauze“ war doch allerorten Verkaufsschlager! Und Kaets als Großhändler sollte weg vom Fenster sein?!

Ich war verwirrt. Auch der gegenüberliegende „ASTRO-Photokopie“ (Schmargendorfer 32, groß beschriftet auf dem Blatt) Werkhof sollte im Jahrzehnt der Ariernachweise und der Remilitärisierung im großen Stil brotlos geworden sein?

 

Der letzte Anker schien für mich das SAUNA-Bad in der Rheinstraße 9. Hatten mir nicht viele viele Altfriedenauer die Legende aufgetischt, diese „Finnische Sauna“ (die erste in Berlin!) sei als Renommierprojekt zur Olympiade geweiht worden, um den nordischen Teilnehmern Weltoffenheit und Gastfreundschaft zu erweisen. Pustekuchen! Ich fand zwar Aberdutzende von Wannen bis Heilbädern, medizinisch oder – wie zu erwarten – zum wöchentlichen Abschruppen der Familie gegen billig Entrée. (Wer hatte damals denn Dusche und Badewanne mit fließend Warmwasser).

Ernüchterung auch bei dieser Suche: Weder gab es 1936 die Rubrik „Sauna“ noch ein Hinweis im nationalsozialistischen Einladungsfeuerwerk.

 

Aufgeklärt hat mich dann Alfred Bürkners Friedenaubuch (Stapp-Verlag 1996), diese verdienstvolle Kärrnerarbeit, welche Fragmente & Schnipsel zusammenträgt.

Dieser Don Alfredo stellt lapidar fest: Rheinstr.9

Hier hatte (1929) die AOK Friedenau ihren Sitz, angeschlossen waren die, “Zahnärztliche Klinik der AOK für den Verwaltungsbezirk 11 und die Badeanstalt der AOK für den Bezirk 11.“

Punktum! Auch ich war einer Legende aufgesessen.

Eine Sauna allerdings war später – sie existierte bis kurz nach der Jahrtausendwende – im Seitenflügel erster oder zweiter Stock. Meine Damalige ging freitags häufig zum Frauentag. Aber auch dies ist passé.

Nun denn, zumindest ist das Gebäude (Vorderhaus heute das Hapag-Loyd-Reisebüro) heil durch die Zerstörung der Kriegs- und Nachkriegszeiten auf uns gekommen.

Das im Seitenflügel im Bogen-Plan benannte Musikhaus Schwartz befindet sich allerdings 1927 an anderer Stelle, nämlich in der Rheinstraße 60 auf der anderen Straßenseite. Es preist sein Sortiment mit folgenden Worten:

Musikalien/ Musikinstrumente/ Sprechapparate (gemeint ist das Grammophon)

Schallplatten“ Dies ist zumindest ein Indiz dafür, dass der Bogen-Plan vor 1927 kartografiert wurde.

 

Ein wenig desillusioniert habe ich in der Folgezeit Schnipsel à la Bürkner zusammen- zutragen, um so zu einem Mosaik zu gelangen. Ich weidete das stolzeste und umfangreichste Friedenauer Adreßbuch auf das Jahr 1914 aus. Wahrlich eine Fundgrube! Man kann daselbst Friedenau Haus für Haus abgrasen.

Der Annoncenteil ist so üppig & aussagekräftig. Ferner zog ich eine Festschrift des „Friedenauer Landwehr- & Kriegervereins“, zugeknüppelt mit Werbung der damaligen Generation (1927), zu Rate. Auch studierte ich das offizielle Werk der Denkmaltopographie der Bundesrepublik … Ortsteil Friedenau… Ferner … Und so weiter…

Gar nicht heiter: Mir gelang weder eine exakte Datierung der Bogenschen Postkarte, noch kann & will ich dem geneigten Leser die Überfülle der Wechsel und Wirrnisse zumuten. Schieres Gähnen käme auf.

 

Wer von den langansässigen Friedenauern wird auch den Geschäfts- & Besitzerwechsel beispielsweise von Rheinstr. 63 (s. Plan) der letzten zwanzig Jahre im Koppe haben bzw. gar abspulen können? Der Eine kommt und der Andere geht. Wobei das Tempo des Wechsels, so scheint’s drastisch zugenommen hat. Und jeder Wechsel ist auch mit menschlichen Schicksalen verbandelt. Mich zumindest schmerzt es, wenn eine Geschäftsidee (ich denke nicht an Schlecker-Läden dabei) baden geht.

 

Die historischen Anzeigen, die im folgenden vermehrt eingeblendet werden, sollen den Flickenteppich des Wandels und der Kontinuität illustrieren. Sie sollen exemplarisch verdeutlichen und ergötzen, indem sie Vergangenheiten verlebendigen und Flüchtiges festnageln.

Auf dem Bogen-Kärtchen sind im Vorderhaus der Rheinstr. 9 „Mewes & Co. Damenmoden“ platziert, im Kaiserreich hingegen sind „Herren- & Knabenmoden“ hier beheimatet:

Adressbuch_Werbung_Scholl

Ich bitte, daraus nicht den falschen Schluss zu ziehen, dass nach dem Kriegergemetzel das weibliche Geschlecht nun die Oberhand gewann.

Vielmehr sollte das Unterwürfige der kulanten Bedienung und der Privilegierung der Beamtenschaft, der großzügigst Teilzahlung gestattet wird, abgeschmeckt werden. Die Beamten sind zwar auch hundert Jahre später noch privilegiert (man sehe sich die Zusammensetzung der Volksvertretung an), aber die Ratenzahlung wurde als Lockmittel sozialisiert: „Erst kaufen, später zahlen.“ Seinerzeit durften die ärmeren Schichten allenfalls beim Bäcker, Kneipiers etc. „in Kreide stehen“, nicht aber in den „vornehmen“ Geschäften. Wenn das Wort „billig“ auftaucht, meint es „recht & billig“ im Sinne von ehrsam und nicht „Geiz ist geil.“

 

Widersprüchlich erscheinen auf den ersten Blick die Aussagen am Anzeigenschluss „Bei Barzahlung 5%“, dann fetter gedruckt „streng feste Preise“.

Des Rätsels Lösung: Auch die 5% Rabatt bezogen sich halt nur auf die kaisertreue Beamtenschaft und die festen Preise galten für das übrige Fußvolk.

Adressbuch_Werbung_Lorenz

Der mit Abstand älteste Traditionsbetrieb, der noch heute in der fünften Generation als Leuchtturm Bestand hat, befindet sich in der Rheinstr. 58/59 (ein paar Schritte aus dem Bogen-Plan herausgetreten).

Ein Familienunternehmen mit Weltanschauung“, so sagt es vollmundig das Selbstporträt von 1996. Wenn für den Klempner „Gas, Wasser, Scheiße“ gilt, so bleibt für Lorenz „Gold, Uhren, Perlencolliers & Eheringe“ der Dauerbrenner.

Da die Firma in fast jedem Friedenaubuch sich selbst feiert bzw. gefeiert wird, erspare ich mir weitere Ausführungen. (Bin auch kein Rolex-Typ).

 

1913 allerdings hatte die Firma noch Konkurrenz. Direkt gegenüber vom „ersten Geschäft in Friedenau“ residierte ein Gustav Ostwald:

 

Adressbuch_Werbung_Ostwald

Im Nachbarhause dieses Meisters (Rheinstr.16) befand sich der zweite Kontinuitätspfeiler von Friedenau:

Die 1892 gegründete Adler-Apotheke. Im Jahre 1902 wurde diese Apotheke der Gemeinde von Paul SADÉE (der Name weist auf hugenottische Herkunft) übernommen und blieb siebzig Jahre im Familienbesitz. Sadée war langjährig als Gemeindeschöffe und Gemeindeältester tätig. Eine „important person“ im politischen Geschehen der expandierenden ehrgeizigen Kommune. Welcher Richtung er zugehörte, zeigt folgendes schnuckeliges Curosium:

(Foto:Ines Kersting)

(Foto:Ines Kersting)

Dieses handgearbeitete Pillenschächtelchen, geziert mit dem reichsdeutschen Kaiseradler wurde noch (siehe Aufschrift per Hand) anno 1950 an Kunden/ Patienten ausgegeben. Nach Weltkrieg I, Inflation, Weltkrieg II, Besatzung, Gründung der BRD/DDR.

Selige Insellage Berlin-West: Kaiserreiche & Systeme kommen & gehen, nützliche Schächtelchen bleiben bestehen. Ein anrührender wie seltener Kontinuitätsbeitrag wird hier geliefert! Museumswürdig! In Treue fest zum harmlos dienenden Ding.

 

 

Bei den vielen radikalen Umbrüchen und Bruchlandungen in den letzten hundert Jahren, freut sich unsereins, wenn es auf einen vertrauten Namen im Annoncement trifft, an den sich auch persönliche Erinnerungen knüpfen. Die Gothaische Feuerversicherung, eine der ältesten & damals innovativsten ihrer Art, entsprungen einem mitteldeutschen Zwergstaat zu Goethes Lebzeiten, hatte ihren Hauptsitz in der Nachkriegszeit in mehreren ausgedienten Kasernen in Göttingen gefunden und mein Schulweg führte täglich daran vorbei:

 

Adressbuch_Werbung_Gothaer_Feuervers

Immerhin, die Gothaische ist auch heute noch in Berlin präsent. Kontinuität seit 1821! Versicherungen gegen Beraubung durch den Fiskus sind allerdings immer noch nicht erfunden. Vielleicht demnext in diesem Theater.

 

 

 

 

1913

1913

1927 (Landwehrverein)

1927 (Kriegerverein)

Hier sehen wir zwei Anzeigen (rot 1913, die nächste 1927), die eine Vererbung eines Geschäfts von Senior auf Junior sichtbar machen:

 

 

Das Sortiment hat sich zum Teil gewandelt bzw. den Verbraucherwünschen angepasst. Die „Brautausstattungen“ sind nicht mehr fettgedruckt aufgeführt, der Luxus der Vorkriegszeit weicht den profaneren „ Borstenwaren“ und Ähnlichem. Aber die Grundstimmung der Solidarität & des reichhaltigen Angebots ist beibehalten. Aber für dieses Vererbungsmodell, das man nostalgisch-verschönernd im Kopfe mit sich schleppt (… „als der Großvadder die Großmuttern nahm…“) ist realiter seltener anzutreffen als gedacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man ist schon erfreut, wenn die Kontinuität des Namens gewahrt bleibt. So trägt die „Körner Apotheke“ in der Hauptstraße mit ihrer alten Inneneinrichtung auch seit alters her diesen Namen. Nur die Inhaber wechseln.

Auch ist den Meisten sicher noch „Der kleine Ratskeller“ geläufig. Jeder der am Breslauer Platz flanierte und am Markttrubel teilnahm (wer eigentlich nicht?) wird ihn noch bis hinter der Jahrtausendwende wahrgenommen haben. Zumindest von außen. Schon vor Wochenmarkt – Schluss war er gerammelt voll.

Manch Standbetreiber ging auch schon mal zwischendurch einen zischen. Manch Ratskellerbesucher wartete sonnabends darauf, bis das Abräumen draußen angesagt war und sorgte, leicht angegangen, für ein volles Netz verbilligter Ware. Man kannte sich und jeder hatte seinen lütten Gewinn.

 

Nun habe ich die Ehre, allen Friedenauer Trunkenbolden & Gelegenheitssüffeln diese altehrwürdige Erinnerung an eine verschwundene Wirkungsstätte zu widmen:

Adressbuch_Werbung_Ratskeller

Ich gedenke auch der Verblichenen vieler Generationen, deren Seelen durch diese Zeilen erwärmt werden könnten.

 

Im „Kleinen Ratskeller“, der weder ein Keller noch „vornehm“ war, vielmehr einen ebenerdigen Schlauch bildet der nach hinten (toilettenwärts) wenig Platz für Tische übrig hatte, war der lange Tresen das Zentrum.Von Halle kann keine Rede sein. Ein Schuppen, eine Kaschemme halt. Sie wird wohl nie das Bürgertum Friedenaus bewirtet haben in ihrer langwährenden Geschichte. Dafür tauchten Typen auf. Z.B. Kerle, die von sich behaupteten in Indochina 1954 Dien Bien Phu in vorderster Linie in der Fremdenlegion gekämpft zu haben. Ungemein glaubwürdig & haarklein konnten sie ihre Heldentaten, die sie sich wahrscheinlich in Landserheften erschmökert hatten, auftischen. „Ja damals“… Ich war immer verblüfft & entzückt von dieser ausgefeilten Erzähltechnik.

 

Jeder Mensch ist ja sein Lebenslauf: Ein Bündel aus teils verarbeiteten, teils verworren verschwiemelten oder eingebildeten oder (s.o.) erfundenen Geschichten. Was ist schon die Wahrheit?

Wie Max Frisch sagt: „Ein jeder erzählt sich eine Geschichte, die er am Ende für sein Leben hält.“ (Wunderbare Sentenz!)

In der Kneipe (ich rede von der „Eckkneipe“, der vertrauten) werden nach und nach diese je individuellen Erzählstränge bis zur letzten Marotte ausgespuckt. Sie treten ans Kneipenlicht und es kommt zum Austausch und unter Umständen zu handfesteren Konfrontationen. Geschichte & Geschichten prallen aufeinander, Weltsichten verknäulen oder konturieren sich. Wie auch immer: Romba Zomba! Prost!

 

Von den Blondinen oder dem Mannsbild hinter der Theke gar nicht zu reden.

Ob schlagfertig („Herz mit Schnauze“), gerissen, gelangweilt oder jovial-gelassen, sie nehmen ihre Beichtmutter- bzw. Vaterrolle an. Notfalls animieren sie, denn Beichten fördert’s Geschäft und verhindert Stillstand, Öde, eigene Langeweile.

Die Wirte & Bedienungen sind wahre Therapeuten, die sich einen feuchten Pfeffer um „Therapie“ kümmern. („Wat soll dette denn heißen?“)

 

Heute krankt Friedenau eher an einer Überschwappung von konzessionierten und abrechnungsfähigen „Therapeute/INNEN“.Und „Coacher“ übernahmen die Eckneipen. – Jenun, alles ist flüchtig.

 

Mesdames, Monsieurs, man verzeihe mir meinen elegischen Abgesang auf den „Kleinen Ratskeller“. Die Marktkaschemme lange dichte. Mag ein jüngerer das Loblied auf den vielbesuchten Italiener, der nun daselbst seine Zelte aufgeschlagen hat, anstimmen. Einladend sind seine Tische & Bänke auf dem breiten Bürgersteig vor dem Laden, gewiß.

 

Meine Pflicht aber ist, für die Kogge (Hauptstr./Ecke Stierstr.) ein Ströphlein zu summen. Denn dort ging ich jahraus jahrein vor Anker.

Kogge_2006

Der Wirt Günter Liefke übernahm am 1.9.1970 daselbst das Ruder und – unbelievable – er steht noch im März 2013 hinter der Theke. Ein Dinosaurier! Ein biographisches Kontinuitätsbeispiel von äußerstem Seltenheitswert in diesem anstrengenden Gewerbe. Weit über 40 Jahre uff’n Buckel und seine Schwester Edda (Jahrgang 1939) steht ihm immer noch hilfreich zur Seite. Wer hält das aus? Allein den Verlauf und Wandel in diesen Jahrzehnten zu beschreiben, würde auf romanhaften Umfang anschwellen. Schwänke und Überschwang reichlichst. Aber auch in diesem Falle gilt: „die Himmel wechseln ihre Sterne – geh!“ (Gottfried Benn; Epilog-Zyklus)

Der Wirt samt Jubiläumsprominenz 1995

Der Wirt samt Jubiläumsprominenz 1995

Die nächste Anzeige wurde 1927 gedruckt, dies ist schon daran erkennbar, weil erst in den zwanziger Jahren das einheitliche „Rheingau“-Fernmeldeamt für Friedenau installiert wurde. (vor dem 1. Weltkrieg waren unter anderem „Uhlandstraße, Pfalzburg amtlich vermittelt)

Ratskeller Friedenau (der wirkliche Keller )Anzeige aus dem KriegerVerein 1927

Ratskeller Friedenau (der wirkliche Keller )Anzeige aus dem KriegerVerein 1927

Der Ratskeller liegt fürwahr im Keller und er dient seit Jahrzehnten als Kantine der Rentner, Handwerker, Gewerbetreibenden und der Mitarbeiter der Behörde (Jugendamt). Dieser Personenkreis schaufelt hier preisgünstig sein Mittagsmahl. Zu Westberliner Inselzeiten wohl eine Goldgrube für den Pächter. Niedrigster Mietzins, Null Energiekosten; alles mit dem Weihnachtsessen für die Behördenmitarbeiter abgegolten. So jedenfalls berichtete man mir von „Kennerseite“.

Eine gewisse Witzigkeit sehe ich auch darin, das der „kleine Ratskeller“ sich so benamst hat, bevor der Grundstein zum Altmanschen Friedenauer Prachtbau gelegt wurde. Die fand erst am 14. Oktober 1913 aus Anlass des 100sten Jahrestages der Völkerschlacht zu Leipzig statt. (Salute! Demnächst vor100 Jahren) Der Gebäudekomplex wurde erst im Kriegsjahr 1917 fertig gestellt. Allerdings wurde der öffentliche Wirts- und Geselligkeitsort bereits am 23. Dezember 1915 eingeweiht, mit Bums und Bier. Im Oktober 1916 wurde daselbst – dies ist ausführlich beschrieben – über die zu schaffende Ortsfahne der Gemeinde Friedenau gestritten. Als Farbe wurde „blau“ vorgeschlagen. Ein Gemeindevertreter unterstrich diese Forderung mit dem Hinweis darauf, dass im Ratskeller schon mancher Einwohner „blau“ geworden sei. Dem wohlgesetzten Bürgermeister Walger kam diese Einrede „krähwinklich“ vor. Jedoch, eine blaue Fahne wurde beschlossen. Es war einmal: „eine blaue Fahne flatterte voran …“ Auch ist anzumerken, das im Fortschrittlichen Friedenau bereits am 01.07.1911 eine Auskunfts- und Fürsorgestelle für Alkoholkranke durch die Gemeinde eingerichtet wurde und – wie andernorts auch – eine rührige „Loge Friedenau des internationalen Guttemplerordens“ predigte (weitere Frauenvereine gegen den Missbrauch geistiger Getränke lasse ich hier weg). Alles offensichtlich vergebens, gepichelt wurde weiterhin, denn jeder Verein (ob gemeinnützig, berufsständisch, patriotisch oder vergnüglich) traf sich in seinem Vereinslokal.

 

 

Im heutigen Friedenau können wir uns allerdings wirklich nicht über mangelhafte Infrastruktur beklagen. Im letzten Jahrzehnt – parallel laufend zu Dachgeschoßausbauten und der Umwandlung in Eigentumswohnungen und dem damit verbundenen Zuzug von solventen Doppelverdienern – sind zahlreiche Restaurants und Läden der kuscheligen Art dazugekommen. Selbst Tortenläden der feinsten Klasse und Süßwarenspezialisten warten mit erlesenen Delikatessen auf. Das bunte Treiben hat auch an prominenten Ecken neue Farbtupfer hinzugewonnen. Die Einbeziehung des Trottoirs und der Vorgärten ins genießende Geschehen macht sichtbare Fortschritte von Saison zu Saison. Das Wagnis zum Besonderen, Verfeinerten und Ausgefallenen wird vom Bürger honoriert. An gut sortierten Weinhandlungen oder Gewürzläden usw. besteht kein Mangel.

Die Bio-Bio-Bio-Wellen sind aus den Nischen heraus und inzwischen in wahren Palästen angelandet. Der eine Friedenauer schwärmt von diesem kleinen Portugiesen, der nur drei oder gar zwei Gerichte auftischt – die allerdings sind lecker, lecker, lecker … – und der andere preist jenen Italiener. Unbedingt musst du … kösteln! Auch der türkischstämmige Bäcker backt täglich seine Bleche. Sind die Schleckereien weggeputzt, hat er keine Halbfertigware in petto. Usw. usw. das sind alles sympathische Entwicklungen.

 

Dennoch bedaure ich zutiefst den elendigen Niedergang der Eckkneipe.

Sie war ein Hort der geborgenen Geselligkeit des Vereinslebens, von dem über die zu belächelnde Vereinsmeierei wichtige gemeinnützige Impulse ausgingen.

Heute wird ja allenthalben der „Stammtisch“ mit seinem Gerede von der Politik & den Medien diffamiert. Wer diesem gar Gehör schenkt, wird als „Populist“ in die Ecke gestellt.

Dabei ist der Stammtisch die Keimzelle der demokratischen Auseinandersetzungen gewesen (inklusive des Gezänkes).

 

Was wären denn z.B. die Sozialdemokraten ohne ihre Stammlokale geblieben?

Unter dem Bismarckschen Sozialistengesetz (1878) haben sie nur durch ihre Verankerung in Lokalen überwintert.

 

Die heutige Verächtlichmachung der demokratisch – kontroversen Debatten von unten ist himmelschreiende Arroganz einer abgelösten Profipolitikkaste, die den einfachen Bürger & Wähler offensichtlich nur noch als Störfaktor bzw. Stimmvieh sieht.

Die Willensbildung von oben nach unten gewinnt an Fahrt!

Am „Stammtisch“ konnte nie etwas „alternativlos“ durchgezogen werden. Hier wurde kontrovers und handfest (bis zur Wirtshausschlägerei) argumentiert. Die Karikaturisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Honoré Daumier, Adolf Oberländer, Wilhelm Busch

bis zu den Meistern des Simplizissimus haben dazu manch schönes Blatt geliefert.

 

Die Verlogenheit, die hinter der Metzelung des niederen Volkswillens steckt, wird erst recht deutlich, wenn man einbezieht, das sämtliche „Kungelkreise“ der Parteien, Medienfuzzis und Lobbyisten doch auch in den Hinterzimmern der Lokale oder bei nobeler Machart in den Suiten & Separées ihren Geschäften nachgehen. Werden nicht mehr als 60 % der Arbeitszeit eines Durchschnittsabgeordneten mit Kungel & Seilschaftstätigkeiten verbracht? – Doppelte Moral auch hier.

 

 

 

Stellt Euch vor, Friedenau hatte 1913 weit weit über 100 Gasthäuser, denn die hier abgebildete Liste zählt nur die „Gast- & Schankwirte & Restaurants“ des engeren Friedenau diesseits der Wannseebahn auf. Das „Malerviertel“ (Dürer/Rubens/Menzel/Cranachstraße usw.) ist ausgelassen. Jeder Bewohner der Jetztzeit kann sich seine nächstgelegene Pinte herauspicken, die seine Vorbewohner vor exakt hundert Jahren haben ansteuern können. Zumeist wird der aufmerksame Tüftler herausfinden, dass der Gang auf Puschen möglich gewesen ist. Alles ums Eck!

 

Die Kneipendichte in tout Berlin als damals größte Industriestadt Europas erklärt sich kulturgeschichtlich auch dadurch, dass die Malocher (Proletariat) im Morgengrauen auf Arbeit gingen und die Kachelöfen gegen Abend nur noch wenig Wärme abstrahlten. Wenn es sich überhaupt lohnte, zu heizen. Die Kneipe aber war mollig & man trank nach der Schufterei seine „Molle mit Korn“, schlurfte heimwärts ins klamme Bett. Hatte die nötige Bettschwere. Weder Radio noch Fernseher noch Grammophon waren für die unteren Schichten 1913 verfügbar. Bei Unpässlichkeit wurden die Gören von Vaddern und Muttern ums Eck geschickt. Daher der häufig erwähnte „Syphon – und Kannenversand“. Die Kneipe fungierte bis in die Sechziger – Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als zweites Zuhause und erweiterte „Familie“. Ich habe dieses Milieu noch 1971 in Moabit kennengelernt. Bei Straßenkreuzungen waren häufig alle vier Ecken kneipistisch besetzt.

Nuje, aber das bürgerliche Friedenau war wohl auch nicht von Pappe.

 

LISTE DER 93 GASTWIRTE IM ALTTEIL FRIEDENAU (1913)

Erläuterung zu den Straßennamen Bismarkstr. > Sarrazinstr. Kaiserallee > Bundesallee Kirchstr. > Schmiljanstr. Maybachplatz > Perelsplatz Wilhelmsstr./-platz > Görresstr./-platz

Erläuterung zu den Straßennamen
Bismarkstr. > Sarrazinstr.
Kaiserallee > Bundesallee
Kirchstr. > Schmiljanstr.
Maybachplatz > Perelsplatz
Wilhelmsstr./-platz > Görresstr./-platz

 

„Zum Innsbrucker“Seit weit über einem Jahrzehnt dichte. (Foto:Ines Kersting)

„Zum Innsbrucker“Seit weit über einem Jahrzehnt dichte. (Foto:Ines Kersting)

Aus meinem rückwärtigen Fenster sah ich erst kürzlich an einem Sonntag sich binnen zweier Stunden ca. 200 Personen um eine ganz gewöhnlich geschnittene Gartenhauswohnung bewerben. Alle Mietsuchenden machten einen gut betuchten Eindruck. Friedenau scheint sehr begehrt zu sein! Allerdings war ich auch gelinde aufgeschreckt von dieser Kavalkade, die kein Ende nehmen wollte.

Vielleicht hat dieses Erschrecken auch einen realistischen Kern, denn der Wandel zeitigt nicht nur gute Folgen. Aus meinem Nachbarhaus sollen über zweidrittel der Altmieter bereits ausgezogen sein. Die große Wohnanlage aus dem Jahre1911 mit 51 Einheiten und einem denkmalgeschützten Innenhofgarten wurde in Eigentumswohnungen umgewandelt. Ich leugne nicht mögliche Verbesserungen, die aus der Umwandlung erwachsen. Auch das große Mietshaus zweier Häuser weiter ist jüngst wieder verkauft worden.

Nicht zu leugnen ist aber, dass ein schleichender Austausch der Bevölkerung im Gange ist, der einen alteingesessenen ollen Knacker auch beunruhigt. Alte Beziehungsgefüge brechen weg. Mich jedenfalls gruselt, wenn ein Altbau mit Gesicht binnen eines Jahrzehnts aus Spekulationsgründen dreimal den Besitzer wechselt. Viel Tafelsilber ist bereits nach der Wende 1989 verscherbelt worden (siehe Ceciliengärten!) Auch in meiner Straße gab es einst Kommunalbesitz! Ja, wo ist er geblieben?

Ich jedenfalls möchte auf meine alten Tage weder von Düsseldorf, Newyorkien oder Tokio verwaltet werden.

Auch den Scientologen, die sich als Religion bezeichnen, (sie hatten in früheren Jahren in Friedenau Sponholzstraße ihre Berliner Zentrale) sollen in meinem Umfeld Häuser aufgekauft und umgewandelt haben. Sie haben den freiwillig … Ausziehenden üppig Handgeld gegeben. Geschah dies aus religiös motivierter Mildtätigkeit oder rechnet es sich? … Man wird ja noch fragen dürfen.

 

 

 

 

 

Alles ist flüchtig“. Eine Gedichtüberschrift des alten Benn. Eine Binsenweisheit! Bei der Beschäftigung mit der Friedenauliteratur fällt auf, dass uns die Altvorderen jede Menge preußisch-korrekter Statistik, Fakten, Auflistungen hinterlassen haben. Ihre Sichtweisen, ihr Erleben, ihr alltägliches Leben wird hinter dieser positivistischen Verschanzung weit weniger sichtbar. Ichaussagen (bei aller Bedingtheit) sind Mangelware! Ein Manko und Vorwurf an vorhergegangene Generationen. Wir haben keine farbigen Berichte. Um nur ein Beispiel zu nennen: über die Kriegsbewirtschaftung von Grundnahrungsmitteln, die doch für die gesamte Bevölkerung eine einschneidende Maßnahme mit alltäglich spürbaren Folgen war, fehlen anschauliche Berichte. Über Jahre hin herrschte das Markensystem. Dennoch ist es dem Orkus des Vergessens anheimgefallen. Schade!

Deshalb sollten wir uns bemühen, die Friedenauer Vergangenheiten zu verlebendigen (soweit es uns überhaupt möglich ist) als auch unsere Friedenauer Gegenwart bei aller Eingeschränktheit des Blickes – möglichst plastisch-farbig zu sichten.

"Lauterstrasse18/ Breslauer Platz....2012 aufwendig aufgemotzt. ....Dieser Fremdkörper   bleibt jedoch ein Störfaktor im Ensemble."  (Foto:Ines Kersting)

“Lauterstrasse18/ Breslauer Platz….2012 aufwendig aufgemotzt. ….Dieser Fremdkörper
bleibt jedoch ein Störfaktor im Ensemble.” (Foto:Ines Kersting)